Nervöse Ängste und Erschöpfung2020-07-02T07:31:57+02:00

Nervöse Ängste und Erschöpfung

Ausgangssituation:

Frau, 38 Jahre, verheiratet, 7-jährige Tochter, schildert sich als erschöpft und gestresst, zittert am ganzen Körper. Sie sei niedergeschlagen, nervös und habe einen „Putzfimmel“. Könne nachts trotz Erschöpfung nicht schlafen. Sie habe psychosomatische Zahnschmerzen (lt. Zahnarzt), Verspannungen im Nacken, Spannungskopfschmerzen, Herzrasen, Panikattacken aus „heiterem Himmel“ und Angst zu sterben. Von der Hausärztin habe sie ein Antidepressivum verschrieben bekommen, das sie aufgrund von Übelkeit wieder abgesetzt habe. Vor vier Jahren habe man Gebärmutterhalskrebs festgestellt, sie sei zweimal operiert worden. Sie nehme sich keine Zeit für sich selbst.

 Anamnestische Daten

  • Ihren „biologischen“ Vater habe sie nicht gekannt. Er habe die Mutter bei ihrer Entbindung “sitzenlassen”. Danach sei die Mutter mit dem Vater ihres Bruders zusammen gekommen, der sie auch adoptiert habe. Sie sei 5 Jahre alt gewesen, als ihr Bruder zur Welt gekommen sei, der für den Vater “der Prinz” gewesen sei. Fortan sei sie von ihm nicht mehr beachtet worden. Dies sei der Grund gewesen, dass die Mutter sich von ihm 3 Jahre nach der Geburt ihres Bruders getrennt habe. Mit dem Mann, den die Mutter danach geheiratet habe, sei sie immer noch zusammen und dieser sei wie ein Vater zu ihr. Sie rede niemals über diese familiären Umstände.
  • Sie habe nach dem Abitur eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht und arbeite heute in Teilzeit im Marketing eines Unternehmens. An ihrer Arbeit habe sie Freude.
  • Nach dem Auszug bei den Eltern habe sie eine „wilde Zeit“ gehabt. Ihre Freunde hätten häufig gewechselt. Dies sei ihr peinlich und vieles wisse ihr Ehemann nicht. Sie führten eine gute Ehe und seien glücklich mit ihrem 7-jährigen Kind.
  • Das Kind habe ADHS. Ein Jahr nach der Geburt sei sie mit der Tochter sowie mit einer Freundin in der Stadt unterwegs gewesen. Dort habe die Tochter einen Hustenanfall erlitten und dabei aufgehört zu atmen. Sie selbst sei wie gelähmt gewesen. Die Freundin sei geistesgegenwärtig mit dem Kind in ein Kaufhaus gerannt und habe es beatmet. Wenn die Freundin nicht gewesen wäre, wäre ihre Tochter heute vermutlich tot. An diese Situation denke sie nicht, weil es „schlimme Gefühle“ auslösen würde.
  • Vor 3 Jahren habe man bei ihrem Mann einen inoperablen Gehirntumor entdeckt. Die Prognose sei ungewiss. Ihre Erschöpfungssymptome, Panikattacken und Verlustängste hätten seit dieser Zeit stark zugenommen. Am Tag der Tumordiagnose hätten sie ebenfalls den Notartermin für den Kauf ihres Hauses gehabt. Seitdem habe sich viel verändert. Ihr Mann lebe seither „seine Träume“: er trainiere täglich für einen Triathlon, was schon immer sein Wunsch gewesen sei. Die Patientin ermögliche ihm dies, im dem sie sich um Haushalt und Kindererziehung kümmere. Gleichzeitig mache sie viele Überstunden um mit mehr Geld ihren Ehemann zu entlasten.
  • Wenn sie nach der Arbeit nach Hause komme, fange sie an zu putzen. Ruhepausen gönne sie sich nicht, Hobbys habe sie keine. Sie neige dazu, es jedem recht zu machen, v.a. ihrem Ehemann und ihrer Tochter. Sie habe auch große Schwierigkeiten sich gegenüber ihrer Mutter abzugrenzen. Diese komme häufig bei ihr vorbei, belaste sie mit ihren Problemen und mische sich in ihr Leben ein. Sie fühle sich von der Mutter erpresst, weil diese sie beim Kauf ihres Hauses finanziell unterstützt habe. Wenn sie länger arbeite, habe sie ein gutes Argument die angekündigten Besuche der Mutter am Abend abzusagen.
  • Als Lebensziele benennt sie finanzielle Unabhängigkeit, Reisen und „der Tochter alles zu ermöglichen“.

Themen im weiteren Therapieverlauf:

  • Sie habe sich mit der Mutter konfrontiert, was zu starken Konflikten führte. Die Mutter habe die Situation jedoch begriffen, dies habe die Gesamtsituation entspannt.
  • Trotzdem erscheint die Klientin sehr nervös. Die Gespräche, insbesondere über die Tumorerkrankung des Partners, haben ein negatives Bauchgefühl ausgelöst, dem sie entkommen möchte.

In einer vorbereitenden Phase zum ziff-Prozess wurde der Klientin folgendes vermittelt:

  • die Prinzipien des Umgangs mit unangenehmen Gefühlen sowie deren Funktion als Selbsterhaltungsmechanismus
  • die Notwendigkeit, diese unangenehmen Gefühle zeitnah nach der auslösenden Situation zuzulassen bzw. zu Ende zu fühlen.
  • das bisherige Störungsmodell in ihrer außerordentlichen Belastungssituation, der Diagnose eines Gehirntumors des Ehemanns,
    in die Dissoziation zu    gehen, um den berechtigten Angstgefühlen vor dem Tod des Ehemannes und den antizipierten Konsequenzen zu entgehen
  • die Entstehung dieser Strategie in der eigenen Entwicklungsgeschichte sowie deren Würdigung, da sie von Kindheit an auch über belastende
    Erlebnisse hinweggeholfen hat (quasi als Selbstakzeptanzübung)

Zweimalige Durchführung des Ziff-Prozesses:

(1) Ausgangssituation: Angst um Ehemann nach Hirntumor-Diagnose (Einschätzung der Belastung auf einer Skala von 1-10 (SUD) zu Beginn: 8-10; gegen Ende: 0-3)

  • Ausgehend von der erlebten Situation der Tumordiagnose des Ehemannes wurde die Patientin in das Gefühl („Klotz oberhalb der Magengegend“) geführt. Schwierig war, dass die Patientin immer wieder durch Gedanken von den Gefühlen abgelenkt und von Weinkrämpfen und lautstarkem Stöhnen geschüttelt wurde.
  • Die Achtsamkeit wurde immer wieder auf das Gefühl gelenkt (SUD:9-10). Die Patientin erschien ruhiger, wenngleich das Weinen blieb (SUD von 9-10). Nach 10 Minuten („reines Gefühl“ spüren) fiel der SUD lediglich auf 1 Punkt zurück.
  • Bei der Visualisierung des Gefühls wurde ein „schwerer, kantiger, schwarzer Klotz“ gesehen. Im Verlauf des weiteren Ziff-Prozesses veränderte sich der SUD minutenlang nicht, lediglich die Farbe des Klotzes wurde heller. Dann kam es  zu einem plötzliche Absinken: die Patientin öffnete erstaunt die Augen mit den Worten: „Jetzt ist es weg“.
  • Es wurde vereinbart, dass sich die Patientin zu Hause immer dann, wenn sie in den altbewährten Aktionismus verfällt, zurückzieht, das treibende Gefühl zunächst identifiziert und mit Hilfe des Prozesses zu Ende fühlt.

Fortschritte nach dem ersten Ziff-Prozess:

  • Starke Abgrenzung gegenüber der Mutter: Die Mutter hat trotz der Bedenken der Klientin gut reagiert und begrenze ihre Besuche auf wenige Male in der Woche.
  • Mit ihrem Ehemann habe sie geredet, er habe seine Trainingseinheiten stark eingeschränkt. Er entlaste die Patientin im Haushalt. Und in der Betreuung des Kindes.
  • Bearbeitung von blockierenden Selbstboykottmechanismen (“Kurbelübung”; PEP nach Bohne) wird als hilfreich empfunden.
  • Erfolge bei der Arbeitszeitgestaltung.

(2) Ausgangssituation: Hustenanfall der 1-jährigen Tochter.

Anhand der Situation wurde die Patientin ins Gefühl geführt. Die Repräsentation der Gefühle war ähnlich bei vorherigem Ziff-Prozess. Der Verlauf konstanter, kaum störende Gedanken vorhanden. Der SUD war am Anfang bei 8 und sank auf 3 am Ende der Intervention.

Fortschritte nach dem zweiten Ziff-Prozess:

  • Aufnahme von Freizeitaktivitäten (Yoga, Zumba), wobei Yoga „seltsame“ Gefühle ausgelöst hat. Nach einer weiteren pychoedukativen Einheit in Bezug auf „Gefühle zu Ende fühlen“ erfolgt Einsicht, Yoga weiter zu verfolgen.
  • Langfristige Krankschreibung durch einen Neurologen. Absetzung der Psychopharmaka gegen den Willen des Neurologen

Weiterer Therapieverlauf:

  • anamnestische Betrachtung früherer Beziehungen: Weil sie sich stets angepasst habe, gingen die Beziehungen zu Bruch. Sie habe “bewegte” Zeiten hinter sich, in denen sie viel “ausprobiert” habe. Fühle sich deswegen schlecht, weil sie über diese Zeit mit ihre Mann noch nicht gesprochen habe. Sie befürchte, dass er damit nicht umgehen könne.
  • Gespräch mit Arbeitgeber: eigenes Büro durchgesetzt, Ankündigung keiner weiteren Mehrarbeit in der Zukunft

Vorletzter Termin:

Die Patientin wirkt niedergeschlagen und ängstlich. Ihre kleine Tochter habe seit Tagen Magenschmerzen. Sie müsse mit ihr zum Kinderarzt. Bei der Reflexion wurde der Patientin bewusst, dass sie ihr Kind in den letzten Tagen “mal wieder vernachlässigt” habe, z.B. beim Spielen mit ihrer Tochter ihr Handy am Ohr habe. Ihr wurde klar, dass körperliche Anwesenheit manchmal nicht reiche.

Die Patientin schreibt wenige Tage später folgende E-Mail:

“…Bei der Untersuchung meiner Tochter war nichts zu finden… Sie ist wohl ein „Magenmensch“, d.h. alle Eindrücke, ob positiv oder negativ, gehen bei ihr “durch den Magen”. Seit unserem letzten Termin wusste ich im Inneren, dass mich dieses “Ergebnis” erwartet. Danke, dass Sie mir die Augen geöffnet haben. In Zukunft werde ich wieder sehr genau auf mich achten damit meine Tochter wegen mir kein “Bauchweh” mehr haben muss. Vielleicht waren meine Fortschritte einfach zu positiv und zu schnell – aber es hat mir die Augen geöffnet wie schnell ich wieder in meine alten Fehler zurück falle(n kann) und welche Konsequenzen es hat. Vielen Dank für die tollen Gespräche, Denkansätze und Emotionshilfen. Freundliche Grüße, S. H.”

Abschlusstermin

Arbeit laufe super, sie mache pünktlich Feierabend. Sie erwische sich manchmal mit dem Impuls Überstunden zu machen, könne sich jedoch gleich wieder “bremsen”.