Ingrid Ellner2018-04-24T21:50:56+00:00

Ingrid Ellner

Interview mit Ingrid Ellner, der jahrzehntelangen Arbeitspartnerin von Hans Rebhan in Therapie und Ausbildung, im August 2017 zur Entwicklung des ziff-Prozesses:

„Ingrid, du hast 37 Jahre lang eng mit Hans Rebhan zusammengearbeitet. Ihr habt unter dem Namen „Coburger Seminare“ unzählige NLP-Ausbildungen durchgeführt und lange Jahre gemeinsam therapeutisch gearbeitet. Sicher kann uns niemand besser als du erläutern, wie sich der ziff-Prozess entwickelt hat…“

„Bei unseren NLP-Ausbildungen und auch in der Therapie war für uns beide von Anfang an die Selbstverantwortung ein zentraler Gedanke. Durch unsere langjährige gemeinsame Arbeit haben wir erkannt, dass viele persönliche Probleme darauf zurückzuführen sind, dass Menschen ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten kultivieren – oft bis zur Selbstverleugnung – , um befürchtete Gefühle oder Konsequenzen zu umgehen. Statt klar für eigene Bedürfnisse und Einstellungen einzutreten und mit den Reaktionen anderer flexibel umzugehen, kämpfen Menschen oft lieber gegen sich selbst – gegen ihre Bedürfnisse und vor allem gegen ihre Gefühle. Anstatt Forderungen an das eigene Verhalten zu stellen, das unter eigener Kontrolle steht, stellen sie Forderungen an ihre Gefühle, die willentlich unbeeinflussbar sind, z.B. „Ich tue das nur, wenn es mir leicht fällt, oder ich mich sicher dabei fühle – ansonsten lasse ich es lieber.“ Diese Haltung, möglichst keinen unangenehmen Gefühlen ausgesetzt sein zu wollen, macht das Leben immer enger. Es gibt immer weniger Wahlmöglichkeiten und sie fühlen sich immer schlechter.“

„Welche Ansatzpunkte gibt es, wenn Menschen gegen sich selbst kämpfen?“

„Es war uns immer wichtig, auch bei Krankheitsbildern wie z.B. Panikattacken, Zwängen, Depressionen oder körperlichen Erkrankungen zu berücksichtigen, wie die betreffende Person ihr Leben gestaltet und welche Vermeidungsmuster gegebenenfalls zu dieser Symptomatik führen.  Die entscheidende Frage lautet: Wo nimmt jemand seine Verantwortung für seine eigene Befindlichkeit nicht wahr? Wenn ich Angst habe, allein durch den Wald zu gehen, kann ich vor dem Wald stehenbleiben und entscheiden, dass das erstrebenswerte Ziel hinter dem Wald lieber nichts für mich ist. Ich kann aber auch entscheiden – weil das Ziel eben wirklich erstrebenswert ist – mit Angst durch den Wald zu gehen, diese Gefühle anzunehmen und zu fühlen. Ich kann mich nämlich nicht entscheiden, keine Angst zu haben! Dieser Weg ist natürlich schwerer, er führt aber zu einem Zuwachs an Selbstbewusstsein und Selbstachtung.“

„Ihr habt schon vor vielen Jahren die Intervention „Über die Schwelle gehen“ entwickelt und in euren NLP-Ausbildungen gelehrt…“

„Wir haben die Intervention „Über die Schwelle gehen“ aus der Beobachtung, dass Menschen unangenehme Gefühle gewohnheitsmäßig unterdrücken, entwickelt . Dabei geht es darum, dass sich der Klient bisher vermiedenen Gefühlen stellt und den Punkt  überschreitet, bei dem er bisher das Erleben durch innere Dialoge (z.B. jammern)  oder Verhaltensmuster (z.B. Zwangsverhalten) blockiert hat. Bis zur Stärke „5“ auf einer Skala von 0-10 genügt es meist, sich die Erlaubnis für Gefühle wie Aufregung, Angst etc. zu geben, und auf der Verhaltensebene das zu tun, was für jemanden stimmig und damit selbstverantwortlich ist. Durch das Annehmen der Gefühle wird ein Aufarbeitungsprozess initiiert. Alles, was stärker empfunden wird, bedarf eines gezielten Umgangs mit den belastenden Gefühlen wie dem „über die Schwelle gehen“. Damit wird die befürchtete Konsequenz, der persönliche „worst case“, vor Augen geführt und die dazugehörenden Gefühle gefühlt.  Und Gefühle sind dazu da, gefühlt zu werden!

„Was passiert, wenn bisher vermiedene Gefühle endlich gefühlt werden?“

Manchmal kommt es dabei zu autonomen Abläufen wie das Fallen in ein schwarzes Loch oder die Auflösung der eigenen Person, was oft mit massiven Angstgefühlen verbunden ist. Dieser Prozess dauert etwa 20-40 Minuten und endet immer in einem positiven Zustand – vorausgesetzt die Gefühle werden gefühlt ohne in Selbstmitleid, Jammern oder innere Dialoge abzudriften! Das Ende dieses Prozesses ist meist das Empfinden innerer Ruhe und kann bei Wiederauftreten der belastenden Gefühle wiederholt werden.“

„Und daraus hat Hans dann den ziff-Prozess entwickelt?“

„Ja. Wir haben erkannt, dass belastenden Gefühlen immer eine Körperstelle zuzuordnen ist. Hans hat dann angefangen, an dieser Körperstelle dem Gefühl eine visuelle Entsprechung („Kern“) zuzuordnen und daraus seinen ziff-Prozess entwickelt. Von da an hat er ihn nicht mehr losgelassen! Immer wieder hat er die individuellen Erlebensweisen seiner Klienten ausgewertet und den ziff-Prozess seinen neuen Erkenntnissen angepasst. Es war sein Wunsch, mit dem ziff-Prozess auch schwerwiegende Erkrankungen positiv beeinflussen zu können – und er hat viele erstaunliche positive Veränderungen bewirkt! Während ich den ziff-Prozess in meiner therapeutischen Arbeit  je nach Situation in Kombination mit anderen Interventionen und Vorgehensweise einsetze, hat Hans bis zu seinem Tod den ziff-Prozess zu seiner grundlegenden Vorgehensweise gemacht und auch andere darin ausgebildet.  Auch die von uns kreierte „Verbale Induktionstechnik“ (VIT), die ich nach wie vor anwende, wurde von Hans in Verbindung mit dem ziff-Prozess effektiv eingesetzt.“

„Ingrid, du warst an der Entwicklung eurer Vorgehensweisen bis hin zum ziff-Prozesses maßgeblich beteiligt. Wie siehst du die Zukunft des ziff-Prozess?“

„Ich denke, dass alle therapeutisch arbeitenden Menschen, die den ziff-Prozess von Hans gelernt haben, diesen auch als eine sehr effektive Vorgehensweise einsetzen können. Nachdem Ihr – durch Hans autorisiert – den ziff-Prozess von nun an lehrt, wird er sich mit Sicherheit weiterverbreiten. Für Hans war der ziff-Prozess die Quintessenz seiner Erfahrungen und Erkenntnisse als Therapeut und Lehrer. Wie sich der ziff-Prozess ohne Hans, der ihn mit Leib und Seele immer wieder verfeinert hat, weiterentwickeln wird, vermag ich  nicht einzuschätzen.“